Die Mär der 500.000 gestohlenen Waffen

Nach Angaben der Brüsseler Kommission gibt es in der EU schätzungsweise 80 Millionen Schusswaffen für den zivilen Gebrauch, die sich in rechtmäßigem Besitz befinden. Gleichzeitig ist der Verbleib einer halben Million Schusswaffen ungeklärt, die in der EU verloren gegangen oder gestohlen worden sind. Die Zahl steigt kontinuierlich, besonders in Frankreich werden immer mehr Waffen als gestohlen oder verloren registriert.

Obiges schreibt Servus TV auf seinem Waffen-Spezial, das anlässlich des TV-Talks vom Donnerstag, dem 11. Februar 2016, erstellt wurde:

T A L K   I M   H A N G A R – 7
Österreich im Waffenwahn: Müssen wir uns selbst schützen?

Den Talk sollte sich jeder mal anschauen: Mediathek-Link

Als Gast war u.a. Saskia Hold eingeladen, die die deutsche Petition „Waffenscheine für Frauen“ verfasst hat.

Nun zu dem Märchen der 500.000 gestohlenen Waffen. Im Dezember hat Melissa Burkhard meinen Oktober-Report über Waffenbesitz in Europa übersetzt. Hier ein Ausschnitt über meine Erkenntnisse der gestohlenen Waffen:

Report II: Waffenbesitz in Europa

Wir beziehen uns ein weiteres Mal auf die Antwort des FACE:

Die Meldungen beschreiben vage, dass „der Verlust oder der Diebstahl von einer halben Million in der EU bis dato ungeklärt bleibt. Die überwiegende Mehrheit davon sind, Berichten des „Schengen Information System“ zufolge, zivile Feuerwaffe. Auf dieser Grundlage wird argumentiert, dass die Einführung gemeinsamer EU-Standards bei der Lagerung und Aufbewahrung ziviler Feuerwaffen notwendig sei, um das Verlustrisiko solcher Waffen in die Hände Krimineller zu minimieren.

Kommissarin Malmström wurde nur etwas konkreter, als sie im Namen der Kommission im Juli 2013 im Parlament Stellung zu einer diesbezüglichen Frage nahm. Das Second Generation Schengen Informationsystem (SIS II) befasst sich unter anderem mit Feuerwaffen, „im Allgemeinen mit denjenigen, welche gestohlen wurden oder verloren ginge, oder nach denen gesucht wird, da sie Beweisstücke in strafrechtlichen Ermittlungsverfahren darstellen.“ Und seit dem 1. Januar 2013 gibt darin es 421.194 Einträge.

Sie fuhr fort: “Wir können mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass die meisten Meldungen, die bei der Polizei eingehen, von Leuten gemacht werden, die legal im Besitz der besagten Feuerwaffe waren und diese entweder verloren haben oder Opfer eines Diebstahls oder Raubes wurden.“

FACE vermutete schon 2013, dass sich die Kommission isolierte und schleierhafte Zahlen zu Nutze macht, welche man leicht missinterpretierten und/oder missbrauchen kann, um gemeinsame EU-Standards der Lagerung von Feuerwaffen zu rechtfertigen und damit einhergehend die Erweiterung der Richtlinien..

SIS-Alerts.png

Wie in Anhang 3 zu sehen ist, listen die Meldungen in der SIS II Datenbank nicht nur gestohlene Waffen auf, sondern zum größten Teil Inventarverluste. Am 31. Dezember 2013 lagen in Schweden laut der Datenbank  17.819 Meldungen vor. In Deutschland waren es 148.227.[1]

Schweden untersuchte alle gemeldeten Waffendiebstähle (n=3,336) zwischen 2003 und 2010. Im Schnitt wurden 269 Waffen von legalen Waffenbesitzern gestohlen. Im Jahr 2000 trat Schweden dem SIS bei, nun schätzt man die Gesamtzahl der gestohlenen Waffen auf 3500.  Die Studie erklärt auch, dass nur 15% der gestohlenen Waffen einem Kriminellen von Nutzen seien. Aber noch weniger Waffen wurden missbräuchlich verwendet.

Eine weitere schwedische Studie zeigt auch, dass es innerhalb 10 Jahre zu neun schweren Verbrechen kam , in denen eine gestohlene, legale Waffe  zum Einsatz kam (d.h. <1/Jahr), darüber hinaus wurden fünf oder sechs Waffen gefunden, von denen man glaubt, dass sie im Zusammenhang mit der Planung eines Verbrechens stehen.

In 13 Jahren wurden schätzungsweise 500 Feuerwaffen in Schweden gestohlen, die auf den Schwarzmarkt hätten landen können und nicht 17.800.

In diesen 13 Jahren wurden ungefähr 20 von diesen gestohlenen Waffen bei Verbrechen benutzt oder waren dazu bestimmt, benutzt zu werden.

Ganz ähnlich wie Schweden führt auch Deutschland Buch über jährlich verlorene Waffen und Waffenteile. Wir wissen von Behördenmitarbeitern, dass die meisten vermissten Waffen Luftdruckwaffen und Schreckschusswaffen sind, welche nicht den neuen Richtlinien von 1972/76 entsprachen und deshalb gemeldet werden mussten. Diese Waffen verschwinden aus den Nachlässen der verstorbenen Besitzer. Genauso tragen Inventarverluste erheblich zu solchen Verlusten bei. Waffen zum Beispiel , welche registriert wurden, obwohl die Waffe gar nicht existiert oder sie wurden mit einer falschen Seriennummer gemeldet, oder sie wurden verschrottet, aber nicht aus dem Register entfernt.

Seit 2009 müssen viele Behörden Hausbesuche bei den Waffenbesitzern machen, um ihre Unterlagen mit den tatsächlich vor Ort befindlichen Waffen zu vergleichen. In Deutschland wurde 2009 eine computerbasierte Datenbanksystem angelegt, was anfangs viele Fehler verursachte. Aus diesem Grund  stieg  die Zahl der verlustigen Waffen und Waffenteile im Jahr 2009: dies sind Inventarverluste. Während eines Telefoninterviews sagt man uns, dass diese Zahlen nach 2010 wieder auf ein durchschnittliches Level von 7000-8000 sanken.

DE Verlust-und-Anzahl-von-verlustigen-Waffen

Quelle: Polizeistatistik und BKA

Die durchschnittliche Anzahl von gestohlenen ehemals legalen Waffen liegt bei einem Maximum von 500 Waffen pro Jahr.

Innerhalb der 19 Jahre von SIS wurden etwa 9500 Waffen in Deutschland gestohlen und nicht 148.000.

Der Unterschied zwischen dem Waffenbesitz in Schweden und Deutschland liegt unter anderem darin, dass die Deutschen mehr  Waffen für sportliche Zwecke haben, Kurzwaffen eingeschlossen. Daher kann man davon ausgehen, dass 25% für kriminelle Aktivitäten geeignet wären.  Das summiert sich auf jährlich etwa 100 Waffen, von denen nur wenige zur Ausübung eines Verbrechens benutzt wurden.

Diese realen Zahlen erklären auch, warum die SIS II Datenbank nur 172 Treffer im Jahr 2013 vorweisen konnte.

Treffer bedeutet in dem Fall: Übereinstimmungen mit gefundenen oder konfiszierten Waffen.

[1] SIS II – 2013 Statistics http://www.eulisa.europa.eu/Publications/Reports/eu-LISA_SIS%20II%20-%20Statistics%202013.pdf

Anhang 3

EU DG Home interpretiert die fast 500.000 Meldungen an die SIS II als gestohlene, ehemalige legale Waffen, nach denen im Rahmen eines Ermittlungsverfahrens gesucht wird.

Der SIS II-Bericht vom 31.Dezember 2013 spricht von 17.819 gestohlenen Feuerwaffen in Schweden und 148.227 in Deutschland.[2]

Gestohlene Waffen in Schweden

Zitat aus der Studie: Sichere Aufbewahrung und Diebstahl von Feuerwaffen in Schweden: eine empirische Studie von Erik Lakomaa, PhD*, September 18, 201217[3]

Wir haben alle gemeldeten Waffendiebstähle (n=3,336) zwischen 2003 und 2010 in ganz Schweden und im Bezirk Stockholm  zwischen 1995 und 2010 untersucht. Wir haben dabei festgestellt, dass Waffendiebstahl  von legalen Waffen sehr selten vorkommt. Und das sowohl in absoluten Zahlen, als auch in relativen Zahlen bezogen auf Waffenbesitzer, legale Waffen und Einbruchdiebstähle.

Von 2003 bis 2010 wurden pro Jahr durchschnittlich 269 Waffen, gelegentlich 105, von legalen Waffenbesitzern  gestohlen. Wir haben auch festgestellt, dass die offiziellen Berichte über Waffendiebstähle stark fehlerbehaftet sind. Zum Beispiel beziehen sich 16% der gemeldeten Diebstähle auf Fälle, in denen keine modernen genehmigungspflichtigen Feuerwaffen entwendet wurden.

se-stolen guns

Gepunktete Linie: Anzahl aller Diebstähle, gestrichelte Linie: Anzahl der Waffendiebstähle jeweils in ganz Schweden
Vergleich mit den Zahlen der National Police

 Der Nationale Polizei Ausschuss (RPS) wurde beauftragt, dem schwedischen Justizministerium jährliche Berichte zu Waffendiebstählen  bereitzustellen. Das RPS hat sich stattdessen dazu entschieden, anstatt gestohlene Waffen separat zu behandeln, sie mit den vermissten Waffen zusammenzulegen.

Die zuletzt genannte  Kategorie beinhält Waffen, die zwar registriert sind, aber aus irgendwelchen Gründen nicht gefunden werden können, dies sind zum Beispiel Waffen, die aus der Erbmasse von verstorbenen Waffenbesitzern verschwunden sind, aber auch Waffen, die Aufgrund von Unzulänglichkeiten bei der Verwaltung der Polizeiunterlagen nach wie vor registriert sind, obwohl die Feuerwaffe schon lange nicht mehr existiert, oder unter unterschiedlichen Seriennummern registriert sind, oder verschrottet und aus dem Register nicht gelöscht wurden oder als „Inventarverlust“ des schwedischen Militärs gemeldet wurden.

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Gestohlene Waffen in Deutschland

SIS II gibt 148.227 Meldungen von gestohlenen  Waffen in Deutschland an.

Es gibt hierzu keine Studie, aber die Antwort der Bundesregierung im Jahr 2002.[4] In der Regel unterscheiden die Statistiken nicht zwischen legalen Feuerwaffen und anderen. Deshalb sind diese Zahlen von 1999 und 2000 die einzigen, die jemals in Deutschland veröffentlicht wurden. Forscher könnten sich nach diesen tatsächlichen Zahlen erkundigen. Wir sind sicher, dass diese Zahlen festgehalten werden und bekannt sind.

Gestohlene legale Waffen in Deutschland

Jahr Jäger Sportschützen Händler/Hersteller Sammler Andere Gesamt
1999 52 57 20 2 195 326
2000 58 47 20 5 157 287

Zuzüglich 39 (1999) und 37 (2000) gestohlene Waffen aus Behörden- (Polizei/Zoll) und Militärbeständen.

Gestohlene Waffen in Deutschland nach aufgezeichneten Verbrechen in der Polizeistatistik:

Jahr Einfacher Diebstahl Schwerer Diebstahl Total Legal besessene Waffen
1999 503 1007 1510 326 (21%)
2000 549 904 1453 287 (19%)
2009 359 601 960 Nicht bekannt
2010 320 505 825 Nicht bekannt

Vergleich von 6296 Meldungen des SIS I mit dem Jahresbericht 2001 des BKA[5]

Im Jahr 2001 meldete das BKA 2009 Fälle von gestohlenen/verlorenen Waffen, Munition und Sprengstoff (2000 waren es 1383):

2001-BKA gestohlen-verloren

Nur 317 dieser 2009 Fälle waren Diebstähle von Feuerwaffen und Munition:

2001 - BKA gestohlene und verlorene Waffen

88% der Diebstähle waren Waffen und Munition aus legalem und privatem, legalem Besitz

2001 - BKA gestohlene Waffen total.jpg

61,3% der Diebstähle ereigneten sich bei Waffenbesitzern, die keine Munitionserwerbserlaubnis hatten, wie z.B. Erben und Waffenbesitzer, die ihre Waffen im Jahr 1976 gemäß des neuen Waffengesetzes registrieren mussten. Es ist möglich, dass es diesen Besitzer nicht bewusst war, dass Waffen in Safes gelagert werden müssen.

2001 - BKA gestohlene Waffen privat

Der Bericht legt offen: Im Jahr 2001 ist die Zahl an gestohlenen Waffen um 257 gestiegen auf 6296.

Deutschland meldete also 6296 Fälle an SIS I statt ca. 600 wirklich gestohlener Waffen.

2001 - BKA gestohlene-verlorene Waffen

Seit 2003 müssen Waffenbesitzer ihre Waffen in geeigneten Waffenschränken lagern. Die Polizeistatistiken verszeichneten einen Rückgang an Waffendiebstählen um 50% zwischen 2000 und 2010. Durchschnittlich werden schätzungsweise 150-500 Waffen gestohlen, in 150 Fällen werden mehrere Waffen auf einmal gestohlen.

 

[2] SIS II – 2013 Statistics http://www.eulisa.europa.eu/Publications/Reports/eu-LISA_SIS%20II%20-%20Statistics%202013.pdf

[3] Safe Storage and Thefts of Firearms in Sweden: An Empirical Study, 2012 http://euc.sagepub.com/content/early/2014/07/23/1477370814543155.refs

[4]Answer of Germany’s Federal Government 25. 02. 2002 – Drucksache 14/8340

[5] Bundeslagebild Waffenkriminalität 2001 BKA

7 Gedanken zu “Die Mär der 500.000 gestohlenen Waffen

  1. Respekt, die Recherche sieht nach Arbeit aus, zeigt aber, wie unmündig wir nicht nur von unserer eigenen Regierung behandelt werden , sondern auch von den überzahlten und lebensfremden EU Parlamentariern. Na ja, die meisten wurden auch weggelobt, daher ist die Qualität „über jeden Zweifel erhaben“.

    • Es liegt nahe das der Verdacht gegenüber den fähigkeiten der EU-Kommissionsmitglieder falsch ist!

      Vielmehr ist davon auszugehen dass das hier eine bewußt falsche Sachverhaltsdarstellung ist die mit möglichst für deie Zielsetzung der Kommission passenden „Zahlen“ untermauert werden soll. Frau Triebel hat durch aufwendige Arbeit diesen Betrugsversuch der Zahlenkünstler offen gelegt!

      Vielen Dank für das mühsame Unterfangen. Das Resultat bestätigt jedes Vorurteil über die Zielsetzung der Kommission.

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