Kriminalitätsfurcht vs Realität

Ich habe gestern einen interessanten Artikel gelesen. Obwohl das Individuum nicht vorhersehbar ist, ist die Gesellschaft als Ganzes vorhersehbar – und zwar vorhersehbarer als die Effekte der Teilchenphysik (die gänzlich emotionslos vonstatten geht) und das seit über 400 Jahren.

Thomas Peterson beschreibt dies und führt dazu an:

Bereits im Jahr 1662 beschrieb der englische Kaufmann John Graunt in einer Schrift mit dem Titel „Observation on the Bills of Mortality“die auffällige Regelmäßigkeit der Jahr für Jahr gleich bleibenden Zahl von Todesfällen.

Das Beispiel zeigt, dass es neben der individuellen Identität des Menschen auch so etwas wie eine kollektive Identität von Gesellschaften gibt, die ihren eigenen Gesetzen folgt. Vielen Menschen fällt es außerordentlich schwer, dies zu akzeptieren.

Man kann, zum Beispiel, niemals voraussagen, was ein bestimmter Mensch tun wird, aber mit großer Präzision kann man sagen, was der Durchschnitt einer großen Zahl von Menschen im Schilde führt. Die Individuen sind äußerst verschieden und wechselhaft, aber Prozentzahlen sind konstant. Das lehren uns die Statistiker.“

Übersetzt: ich weiss nicht, ob mein Nachbar ein Mord begeht, aber statistisch werden jedes Jahr xxx vollendete Morde verübt mit (zum Glück in Europa ) absteigender Tendenz seit Jahrzehnten.

Kein einziges Gesetz ändert die Tendenz der Statistik. Es gibt selten ein signifikantes Ruckeln und Rücken, wenn ein Gesetz verschärft oder liberalisiert wird. Über einen größeren Zeitraum fällt die Kurve stetig im gleichen Maße.

Selbst die Massenmorde von Amokläufern und Extremisten fallen nicht ins Gewicht, da sie im Zusammenhang gesehen Einzelfälle sind, die sich trotz aller Härte für die Betroffenen nicht siginifikant für die Gesellschaft auswirken.

Was hat sich geändert? Die Gewalt? Der Mensch?

Nein, es ist lediglich die Nachrichtenverteilung!

Gernerell hat sich durch das Internet die Schnelligkeit der Verteilung von Horrornachrichten verändert. Ob in den USA, Frankreich, Deutschland oder im Nachbarort. Wir hören sofort davon, sofern es sich um Ereignisse in weststaatlichen Regionen handelt. Hier sind bereits drei Tote am Stück ein Newsereignis, sofern dpa & Co. diese Nachricht als wichtig empfinden.

Währendessen können jedoch 100 oder gar 1000 Menschen am Stück sterben, ohne das wir davon etwas mitbekommen. Sei es Ruanda, Ost-Timor, Ex-Jugoslawien, Kirgisien etc.
Wenn kein Europäer, Ami oder Kanadier oder Palastinenser/Israeli dabei ist, ist es selten eine Nachricht wert.

Studien von Kriminalisten haben erkannt, dass die Deutschen für Deutschland trotz gegenteiliger Statistiken eine Zunahme der Verbrechenstätigkeit annehmen, obwohl sie für ihr (selbst erlebtes) Umfeld diese Zunahme ablehnen. „Nicht bei uns, aber anderswo in Deutschland ist es ganz schlimm“.

Wenn das ALLE in Deutschland sagen, frage ich mich, wo bitte schön liegt anderswo?

Fachleute nennen dieses Phänomen Kriminaltätsfurcht.

Der zweite periodische Sicherheitsbericht von 2006 (der erste stammt von 2001 und auf den dritten warten wir seit Jahren) beschäftigt sich intensiv mit der Kriminalitätsfurcht und führt hierzu u.a. Folgendes an:

Multivariate Analysen zeigen weiter, dass Ausmaß sowie Art der Mediennutzung einen erheblichen Effekt auf diese subjektiven Einschätzungen haben. Medienanalysen zeigen dazu, dass private Fernsehsender kriminalitätsbezogene Sendungen erheblich häufiger ausstrahlen als öffentlich-rechtliche. Je häufiger Personen Sendungen der privaten Sender konsumieren, desto höher ist nach den vorliegenden Befunden auch ihre Überschätzung der Kriminalitätsentwicklung. Ein ähnlicher Zusammenhang wurde in Großbritannien auch für die Art der genutzten Tageszeitungen nachgewiesen: Leser der Boulevardpresse nehmen grundsätzlich eine problematischere Entwicklung der Kriminalität an.

So ergab die 1998 zum dritten Mal durchgeführte Bochumer Opferbefragung,
dass der Anteil besonders schwerwiegender Delikte am Kriminalitätsaufkommen extrem stark überschätzt wird. Beispielsweise wurde der relative Anteil des Mordes an allen Delikten im Vergleich zu den tatsächlichen Verhältnissen um den Faktor 250 überschätzt, Raub um den Faktor 30 und gefährliche/schwere Körperverletzung um den Faktor 12. Befragte überschätzen somit nicht nur die Kriminalitätsentwicklung insgesamt, sie nehmen auch deren Struktur erheblich verzerrt wahr, was neben Medieneinflüssen auch darauf zurückgeführt werden kann, dass besonders schwerwiegende Straftaten für den Einzelnen bedeutsamer sind, somit entsprechende Informationen besser erinnert und auch in alltäglichen Interaktionen häufiger thematisiert werden.

Kriminalität bzw. die Befürchtung selbst Opfer bestimmter Delikte zu werden, stehen danach zumeist nicht an erster Stelle der Sorgen und Nöte, die Menschen beschäftigen.

Es findet sich ein plausibles Muster: Je unbekannter der Ort und die sich dort aufhaltenden Menschen sind bzw. je weniger potenzielle Unterstützer verfügbar sind, desto ausgeprägter ist auch das subjektive Unsicherheitsgefühl.

Die Anzahl der stark von Kriminalitätsfurcht belasteten Personen ist regelmäßig deutlich höher als die Zahl jener, die Opfer schwerwiegender Delikte waren, die in besonderem Maße furchtinduzierend wirken können. Wesentlich häufiger als eigene Viktimisierungserlebnisse sind Erfahrungen damit, dass Personen aus dem eigenen Umfeld Opfer einer Straftat wurden.

Überregionale Medienberichte haben vor allem Effekte auf die Wahrnehmung von Kriminalität als soziales Problem. Sie beeinflussen die soziale Kriminalitätsfurcht stärker als die personale Kriminalitätsfurcht.

Obwohl der tatsächliche Anteil von Gewaltdelikten an der Gesamtkriminalität
nur etwa drei Prozent beträgt und, wie dieser Sicherheitsbericht deutlich macht, sich zum Großteil innerhalb der Bevölkerungsgruppe der männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden ereignet, ist beispielsweise auch in weniger gefährdeten Bevölkerungskreisen die Angst davor, Opfer eines Gewaltdeliktes zu werden, weit verbreitet.

Eine realistische Darstellung der Kriminalität und der von ihr ausgehenden Gefahren ist daher wichtig.

Heute stieß ich hierbei auf sehr diametrale Darstellungen von Kriminalität. Anlass war die unbeaufsichtigte Handhabung eines fünfjährigen US-Amerikaners, der mit einem sogenannten „Kinder“-Gewehr seine zweijährige Schwester erschoss.

Die WELT hat diesen Vorfall in Bezug zu den drastischen Waffengesetzen in New York gesetzt, wo bereits der Verkauf eines Feuerzeugs in minimierter Pistolenform als „Anscheinswaffe“ mit drakonischen Strafen belegt wird, und die Vernachlässigung der Verantwortungspflicht der Eltern angegriffen, was m.E. der richtige Weg ist.

Die WELT schreibt:

Die Schlüsselfrage ist nicht, wie jung das Kind war, wenn die Eltern direkt involviert waren. Die Frage ist, wie der Fünfjährige an die Waffe kam.“ In Roger Ayscues Haus wird das Gewehr nicht am selben Ort aufbewahrt wie die Munition. Das Gewehr wird eingeschlossen und zusätzlich mit einem Gewehrschloss gesichert. Und selbstverständlich hätten seine Kinder nie ohne seine Aufsicht einen Schuss abgefeuert.

Tagesspiegel & Co. haben die Hersteller der „bunten Kindergewehre“ angegriffen, die durch ihre Produktion dieser „heimtückischen Spielgeräte“ erst den Unfall ermöglichten.

Die USA haben ein sehr strenges Produkthaftpflichtgesetz. Wenn man US-Babywäsche kauft, steht im Begleitschein schon drin, dass man diese nicht auf der Heizung trocknen darf und sie sogar, unter bestimmten Umständen, im angezogenen Zustand leicht entflammbar ist und das Kind töten könnte.

Ich bin mir zu 100% sicher, im Beiblatt des Herstellers waren allen Gefahren bereits aufgezählt, die einen unsachgemäßen Gebrauch dieser Waffe (in Spielzeugfarben) bewirken kann.

Dumm nur, wenn kaum ein US-Amerikaner gewillt ist, die Manuals durchzulesen.

Und ja, ich finde liberales Waffenrecht, wo jeder ohne Sachkunde eine Waffe kaufen kann, nicht gut. Für Autos brauchen wir (fast) weltweit einen Führerschein (=Sachkunde), warum nicht auch für Waffen?

Wer dem zustimmt, sollte sich fragen, warum ein Waffenbesitzer – trotz nicht vorhandener Deliktraten in Deutschland – höhere Auflagen als ein Führerscheininhaber bestehen muss.

Würde das Waffenrecht analog zum Verkehrsrecht angewendet werden, hätten mind. 30%, wenn nicht gar 50% der Führerscheininhaber für 5 Jahre keine Fahrerlaubnis.

Das Argument, ich „brauche mein Auto für meine Mobilität“ zieht nicht in einem Land, wo öffentlicher Nahverkehr (mit Fahrradtransporterlaubnis) jeden zu jederzeit zu jedem Ort bringt. Das bischen Komfort an Zeit ist nichs gegen 4000 tödliche Unfälle.

(Das war nur Sarkasmus, ich meinte den letzten Absatz nicht ernst , sondern versuchte nur PC zu argumentieren. Ich gönne fast jedem – ausser mehrfach alkoholisieten Schnellfahrern – ihr Auto, fordere aber gleiches Recht für alle. Legale Waffenbesitzer sind rechtstreuer als der Durchschnitt.  Eine Beleidigung, ein gefahrloses Überfahren einer roten Ampel oder ein steuerrechtliches Verfahren ohne Gewaltdelikt darf ihnen nicht für 5 Jahre den Waffenbesitz entziehen. Auch die Plenarsaal-Bänke im Abgeordenetenhaus wären noch leerer, wenn Politiker der Zuverlässigkeitsanforderungen für legale Waffenbesitzer unterliegen würden.)

4 Gedanken zu “Kriminalitätsfurcht vs Realität

  1. Der Vergleich mit dem Führerschein hinkt. Man braucht fürs Auto nur einen Führerschein, wenn man damit auf öffentlichen Straßen fahren will.

    Z. B. steht auf http://www.paradisi.de/Fitness_und_Sport/Rennsport/Motorradsport/ :
    „Den idealen Einstieg für den Motorradsport finden Kinder im Alter von sechs Jahren beim ADAC.“
    Jeder kann ein Kindermotorrad kaufen ohne jede Sachkunde, warum nicht auch ein Kindergewehr?

    Nichts spricht gegen freiwillige Sachkunde-Kurse. Die wenigsten Laien kaufen sich eine Motorsäge und legen dann auf eigene Faust damit los.
    Warum darf ich jedem Kind beibringen, wie man ein Feuerzeug bedient, aber es nicht ohne Jugendbasislizenz, Unterschrift der Eltern und ggf. Altersnachweis schießen lassen? (Nur bei Wasserpistolen ist es seltsamerweise keine „Tötungssimulation“ ist, wenn man damit aufeinander losgeht.)
    In jedem normalen Haushalt liegen Messer, Streichhölzer und Autoschlüssel frei zugänglich herum. Wenn Eltern ihren Kindern zutrauen, damit keinen Unfug anzustellen, warum soll dann bei Waffen plötzlich alles anders sein? Wegen eines tragischen Unfalls sollten sich nicht alle Eltern verrückt machen.

  2. Falsche Analogie:
    Genau wie das Kindermotorrad auf dem abgesperrten Gelände darf jeder auf dem Schießstand (abgesperrtes Gelände) ohne Vorraussetzungen schießen. Auch eine waffe darf man sich kaufen. Nur nicht besitzen 😉
    Versucht doch nicht schlauer zu wirken oder dümmer zu tun: Der Vergleich mit Führerschein passt. Der Aufwand eines Jagdscheines ist btw etwa vergleichbar.

  3. […] Dabei sollten es gerade Menschen wie Bodo Lampe besser wissen, denn Herr Lampe ist studierter Mathematiker und Physiker, mit einer recht beachtlichen wissenschaftlichen Vita. Da dürfen wir ein gewisses Verständnis von Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie voraussetzen, doch scheinbar ist dies nicht der Fall und es liegt bei Bodo Lampe eine unzureichende Risikokompetenz vor, die den Blick auf die Realität stark verzerrt. […]

  4. […] Dabei sollten es gerade Menschen wie Bodo Lampe besser wissen, denn Herr Lampe ist studierter Mathematiker und Physiker, mit einer recht beachtlichen wissenschaftlichen Vita. Da dürfen wir ein gewisses Verständnis von Statistik und Wahrscheinlichkeitstheorie voraussetzen, doch scheinbar ist dies nicht der Fall und es liegt bei Bodo Lampe eine unzureichende Risikokompetenz vor, die den Blick auf die Realität stark verzerrt. […]

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