Menschenmenge

Unstatistik: Volk von Zahlenblinden

Ich bin ein Fan von der „Unstatistik des Monats“ und hinterfrage bei jeder statistischen Zahl die Grundmenge.

Sehr oft werden Zahlen und Wahrscheinlichkeiten falsch interpretiert, um Ängste zu verbreiten – weil sich Angst als Nachricht gut verkaufen lässt bei uns in Deutschland.

So könnten viele nicht zwischen absolutem und relativem Risiko unterscheiden. Als eine Behörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor zwei Jahren verbreitet hatte, dass das Darmkrebs-Risiko je 50 Gramm verzehrtem, verarbeitetem Fleisch am Tag um 18 Prozent steige, sei die Sorge groß gewesen. Absolut sei die Gefahr einer Krebserkrankung aber nur von fünf auf 5,9 Prozent gestiegen, verdeutlicht Gigerenzer. „Das ist ein Machtinstrument: Man erregt Ängste und Aufmerksamkeit.

NTV – Volk von Zahlenblinden vom 27.11.2017

Auch sollte man bei Umfragen nicht nur auf das Ergebnis, sondern auf die Fragestellung achten!

Ein schönes Beispiel ist hierfür die WWF Umfrage zum Klimaschutz:

Dieses Mal liegt der Missstand nicht in der Interpretation, sondern in der Art der Fragestellung. Die Antworten waren in die Fragen quasi eingebaut..In der Umfrageforschung unterscheidet man zwischen ergebnisorientierter und erkenntnisorientierter Demoskopie. Die YouGov–Umfrage (vom WWF) steht für ersteres.

http://www.rwi-essen.de/unstatistik/59/

Der WWF fragte: „Die Stromproduktion aus Kohle allein ist die größte Einzelquelle für die deutschen Treibhausgasemissionen. Was sollte Ihrer Meinung nach mit den Kohlekraftwerken passieren?“

Ich hätte wie folgt gefragt: „Über 330.000 Haushalten wurde 2016 der Strom gesperrt, weil sie die Rechnungen nicht zahlen konnten. Mehr als 6,2 Millionen mal wurden Stromsperrungen angedroht. Um ein Blackout zu verhindern, wurde 2015 1 Milliarde Euro ausgegeben – das Dreifache vom Vorjahr. Sind Sie für einen schnellen Ausstieg aus der Kohlekraft – auch wenn die Stromkosten dadurch noch stärker steigen als bisher?“

Hätte ebenfalls 67% der Bürger dem Ausstieg bei meiner Einleitung zugestimmt? Ich bezweifle das stark.

Auf Professor Gigerenzer, dem Leiter des Berliner Harding Zentrums für Risikokompetenz, war ich bereits 2011 aufmerksam geworden. Er wurde 2010 wie folgt zitiert:

„Jeder Tote ist ein Toter zu viel

– dieses Argument fruchtet nur bei Menschen, die keine Risikokompetenz haben“, sagt Gigerenzer, der auch Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung ist. In der Stärkung dieser individuellen „Risikomündigkeit“ sieht er die Lösung für das gesellschaftliche Problem: „Schon in der ersten Schulklasse sollte man Kindern auf spielerische Weise ein Gefühl für Wahrscheinlichkeiten und Risiken vermitteln.“

Bild der Wissenschaft 11/2010, Seite 98 

Ähnlich sieht es auch Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung:

Daher sollte es auch zulässig sein, die Zahlen von möglichen Toten, Verletzten oder Kranken mit dem finanziellen Aufwand in Beziehung zu setzen, mit dem sie verhindert werden können. „Das kann sich allerdings in der Risikokommunikation und der politischen Umsetzung verheerend auswirken“, weiß Reiner Wittkowski, Vizepräsident des Bundesinstituts für Risikobewertung.

„Solche Überlegungen werden meist als zynisch empfunden, weil jeder meint, er habe einen vollumfänglichen Risikoschutz.“ Trotzdem hält Wittkowski es angesichts begrenzter Finanzmittel für vernünftig, zu fragen, ob der Aufwand einer Vorsorgemaßnahme im angemessenen Verhältnis zu ihrem Nutzen steht.

Bild der Wissenschaft 11/2010, Seite 98 

Mein allererster Blogartikel (2012) behandelt die Risikokompetenz:

„Erfolge“ der Hysterie: Tod, Verschwendung und Entzug von Bürgerrechten

Oder was haben BSE, SARS, EHEC, Waldsterben, Atomkraft, Amokläufe und Terrorismus gemein?

Meine Erlebnisse in Brüssel und Berlin in Bezug auf die EU Feuerwaffenrichtlinie und das deutsche Waffengesetz haben gezeigt, dass Politiker entweder nicht in der Lage sind, Risiken kompetent zu bewerten oder einfach kein Interesse daran haben, weil eine vernünftige Vorsorge als zynisch empfunden wird.

Sie fürchten den Aufschrei der Medien mehr als leere Staatskassen und Neuverschuldungen. Auch geben sie die Rechte von Minderheiten schnell auf, wenn diese Einschränkung bei den Medien als Problemlösung positiv beurteilt wird.

Zu diesen Minderheiten, deren Rechte nicht mehr geschützt und verteidigt werden, zählen mittlerweile immer mehr Bürger und Bürgerinnen: Jäger, Sportschützen, Landwirte, Selbstständige, Waldbesitzer, Imker, Zirkusse, Angler u.a.. Das ist aber kein Wunder, da immer weniger Politiker zu diesen Minderheiten gehören und mit Avaaz, Campact & Co. immer häufiger die Rechte dieser Minderheiten als schädlich für die Gemeinschaft bewertet werden.

5 Gedanken zu “Unstatistik: Volk von Zahlenblinden

  1. Leider ist es so, wahrscheinlich das Produkt aus anerzogener Denkfaulheit und allzu betreutem Denken in der ganzen Entwicklungsphase junger Menschen.

    Dazu kommt halt bestärkend scheinbar eine Entkoppelung von der Realität im täglichen Leben.
    Fragte mich doch kürzlich eine Landesbehörde ob denn ca. 3 m vor einer aufgefundenen deutschen 500 kg Sprengbombe tatsächlich Lebensgefahr für dort befindliche Personen bestehe….

    Aber auch in harmloseren Konstellationen scheint stündlich die Risikokompetenz des Bürgers verloren zu gehen.

    • Nach aktuellen Forschungen sinkt derzeit weltweit die Intelligenz und die Nutzung des kritischen, rationalen Verstandes geht zurück. Gleichzeitig wird blinder Glaube und persönlicher Eindruck über Zahlen, Daten und Fakten gesetzt.

      Ich frage mich – ist die Aufklärung und die Zeit des wissenschaftlichen Denkens, sowie der gesunde Menschenverstand abgeschrieben? In meinem näheren Umfeld nicht, aber im weiteren Umfeld beobachte ich immer häufiger das klassische „magische Denken“.

      An der Verblödung der Gesellschaft scheint was dran zu sein.

  2. Wir alle wissen doch, dass es immer mehr Menschen gibt (Überbevölkerung) und diese immer dümmer werden. Und zwar gewollt, denn so kann das gemeine Volk von einer viel kleineren Elite viel besser kontrolliert werden. Solche Manipulationen sind also an der Tagesordnung. Die EU baut gerade eine Art Propagandabehörde auf, die russische (nur diese scheinen Fake News zu verbreiten, laut EU) Nachrichten als falsch und manipulativ darstellt und EU News als richtig und gut entgegensetzt.

    Es ist leider so, dass die Menschen das alles mit sich machen lassen, wenn es langsam eingeführt wird und sie dann den Eindruck haben, dass es keine anderen Optionen gibt.

    Mein Lösungsvorschlag lautet, allen Männern das Wahlrecht zu entziehen & in Regierungen und Führungspositionen (in Unternehmen etc.) eine 100 % Quote zugunsten für Frauen etablieren. Nicht alle Frauen sind zwar vernünftigere Feministinnen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen es besser machen, ist uns allen bekannt. Es wird nur niemand zugeben wollen und so verändert sich nichts zum Besseren, sondern, im Gegenteil, zum Schlechteren. Bevor sich jemand aufregt, versucht es und urteilt dann erst über meinen Vorschlag der Logik.

    BTW, Fleisch esse ich keines mehr, weil es verseucht, ungesund und barbarisch ist. Gegen Kohlekraftwerke und Atomkraftwerke bin ich auch, denn es geht auch ohne sehr gut, wenn nicht nur der Profit von Planetenschädlichen Konzernen im Vordergrund steht, sondern fortschrittlichere Technik.

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