Faktencheck Chicago

Immer wieder wird Chicago als Argument dafür angeführt, dass es mehr Waffenkontrolle geben sollte und die NRA verantwortlich für die vielen Schusswaffentoten sei. Dabei wird vergessen, dass die NRA eine Vereinigung von gesetzestreuen Bürger ist, während die meisten Schusswaffentoten in Chicago (über 85%) Bandenmitglieder sind, die mit illegalen Waffen ermordet wurden.

Andrew V. Papachristos, ein Yale Soziologe, untersucht seit Jahren Schusswaffengewalt in Chicago und dabei kam Erstaunliches heraus.

70 Prozent aller Schusswaffendelikte in Chicago, oder etwa 7.500 von über 10.000, fanden in einem sozialen Netzwerk statt. Und 89 Prozent dieser Schießereien fanden innerhalb des engsten Netzraums statt.

Man kann das auch anders ausdrücken: die Rate von Schusswaffengewalt (nicht tödlich und tödlich) beträgt in Chicago 62,1 pro 100.000 Einwohner. Diese erhöht sich auf 740,5 für diejenigen, die sich in diesem kleinen Netzwerk befinden.

Weiterlesen: Chicago Gun Violence: Big Numbers, But a Surprisingly Small Network

In einer vorherigen Studie konzentrierte sich Andrew V. Papachristos auf  Schusswaffendelikte mit tödlichem Ausgang:

85% Prozent der Schusswaffentote befanden sich in diesem sozialen Netzwerk. Das Risiko, erschossen zu werden, fiel um 25% für jeden Schritt, den sich das potentielle Opfer vom Netzwerk entfernte.

Chicagos soziales Netz des Mordes ist ein knorriges Durcheinander: 98 Prozent aller Chicago-Gangs waren während des untersuchten Zeitrahmens mit dem Tötungsnetz der Stadt verbunden. Die Netzdichte der Black-Gangs in Chicago ist besonders intensiv, 30 Prozent verglichen mit 4,5 Prozent für Latino-Gangs.

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Weiterlesen: The Small Social Networks at the Heart of Chicago Violence

Obama’s Studie zu Schusswaffenkriminalität

Nach Sandy Hook ließ Obama die Schusswaffenkriminalität untersuchen. Die Erkenntnisse kurz zusammengefasst:

Waffengewalt korreliert stark mit dem sozioökonomischen Status und Ethnie der Beteiligten. Die Mordrate bei Afro-Amerikaner ist deutlich höher, während die Kaukasier höhere Selbstmordraten aufzeigen. Armut, illegaler Drogenhandel und Drogenkonsum erhöhen ebenfalls das Risiko, an Waffengewalt beteiligt zu werden. Darüber hinaus „greifen Kriminelle oft zur Gewalt als Mittel, um Geld, Waren oder andere Befriedigungen zu erhalten.“

Fast alle nationalen Umfrage zeigen, dass Opfer Waffen mindestens so häufig defensiv (zur Verteidigung) nutzen wie Kriminelle diese offensiv (für Gewaltdelikte) missbrauchen. Die Schätzungen liegen bei defensiver Verwendung im Bereich von etwa 500.000 bis mehr als 3 Millionen pro Jahr, wogegen 300.000 Gewalttaten mit Schusswaffen im Jahr 2008 verübt wurden.

Es wurde auch entdeckt, dass, wenn Waffen zur Selbstverteidigung verwendet werden, die Opfer durchweg niedrigere Verletzungsraten aufweisen als diejenigen, die unbewaffnet sind, wie auch im Vergleich mit denen, die andere Formen der Selbstverteidigung eingesetzt hatten.

Die Studie ergab, dass der „unbefugte Besitz oder die unerlaubte Verwendung von Waffen mit höheren Raten von Waffengewalt verbunden ist als der legale Waffenbesitz.“ In anderen Worten, gesetzbrechende Kriminellen sind hauptverantwortlich für die Schusswaffenkriminalität, nicht die gesetzestreuen Bürger.

Die Studie untersuchte auch die Herkunft der Waffen, die von Kriminellen verwendet werden und kommt zu dem Schluss: „Es gibt empirische Belege dafür, dass die Buyback-Programme unwirksam sind.“ Gleiches gilt für Amnestien für Waffenabgaben.

Die Ergebnisse dieser Studie waren überraschend unvoreingenommene und ähneln zum größten Teil der Erkenntnisse aus einer ähnlichen Studie, die 1994 vom CDC durchgeführt wurde. Damals kam das CDC zu dem Schluss, dass es „keine ausreichenden Beweise gäbe, dass irgendein Waffengesetz wirksam wäre für die Gewaltprävention“.

2004 untersuchte die „National Academy of Sciences“ 253 Zeitschriftenartikel, 99 Bücher, 43 Regierungspublikationen und einige Studien über Schusswaffen. Die Akademie konnte ebenfalls keine waffenrechtliche Maßnahme erkennen, die Gewaltverbrechen, Selbstmord oder Unfälle mit Schusswaffen reduziert hatte. (Weiterlesen: Schusswaffen in der Kriminologie)

USA 99% aller Gewaltdelikte in 5% der Straßen

Diese 5% liegen hauptsächlich in Städten mit restriktiveren Waffengesetzen als in Deutschland: Chicago, Washington D.C., New York, Los Angeles.

Tötungsdelikte, insbesondere mit Schusswaffen, sind ein Problem junger Männer in Großstädten (Gangmilieu). Würde man in den USA und Europa alle Städte ab 500.000 Einwohner aus dem Vergleich der Mordraten ausschließen, gäbe es fast einheitlich niedrige Mordraten unter 2/100.000, wo die schlechte Erreichbarkeit durch Erste-Hilfe mehr Einfluss hätte als das benutzte Werkzeug.

Weiterlesen in meiner Studie: Report Homicide and Suicide 

Advocat für mehr Waffenkontrolle begrüßt CCW

Interessant ist dieser Widerruf des Kriminologen Professor David Mustard, der zuvor strengere Waffenkontrolle befürwortet hatte im „University of Pennsylvania Law Review“. Nachdem er mit Fakten seine Einstellung, die durch Medien geprägt war, untersucht hatte, begrüßt er das verdeckte Tragen von Schusswaffen für gesetzestreue Bürger (CCW).

„Als ich 1995 mit meinen Forschungen zum Waffenbesitz begann [an der Universität von Chicago], hatte ich Schusswaffen leidenschaftlich abgelehnt und völlig die gängige Meinung akzeptiert, dass die Erhöhung der Waffenbesitzdichte zwangsläufig zur einer Erhöhung der Gewaltverbrechen und Unfalltoten führt.

Meine Meinung zu diesem Thema wurde in erster Linie durch Medieninhalte in Bezug auf Schusswaffen geformt, die – für mich unmerklich – systematisch die Kosten von Schusswaffen betonten, während sie praktisch alle Vorteile ignorierten.

Ich dachte, es sei doch offensichtlich, dass die Verabschiedung von Gesetzen, die gesetzestreuen Bürgern das verdeckte Tragen von Waffen erlauben, viele Probleme schaffen würden.

Seit nun mehr als sechs Jahren bin ich vom Gegenteil überzeugt. Ich stellte fest, dass Shall-Issue-Laws – Gesetze, die Waffenscheine erlauben müssen, sofern der Antragsteller keine Vorstrafen hat oder unter keiner signifikanten psychischen Erkrankungen leidet, Gewaltverbrechen reduzieren und keine Auswirkungen auf Unfalltote haben.“

Weiterlesen: Culture Affects Our Beliefs About Firearms But Data Are Also Important

Waffenkontrollbefürworter wurde Kontroll-Skeptiker

Prof. Dr. Gary Kleck beschrieb, wie er von einem Waffenkontrollbefürworter, zu einem Kontroll-Skeptiker wurde, nachdem er seine Einstellung zu Waffen mit der Faktenlage überprüft hatte:

Als ich meine Forschung zu Waffenbesitz im Jahr 1976 begann, glaubte ich, wie die meisten Akademiker, an die “Anti-Gun”-These, d.h. an die Idee, dass die Verfügbarkeit von Waffen einen positiven Effekt auf die Häufigkeit und / oder die Schwere von Gewalttaten hat.

Damals gehörte diese These zum gesunden Menschenverstand, die nicht empirisch überprüft werden müsste. Doch als sich ein gewisser Umfang an zuverlässiger Evidenz (und eine enorme Menge an nicht-so-sicheren Belegen) angesammelt hatte, verschoben viele der fähigsten Spezialisten in diesem Bereich ihre Position von “Anti-Gun”-Position zu einer skeptischeren Haltung.

[Weitere Forschungen] hatten mich veranlasst, auch die skeptische Position hinter mir zu lassen.

Ich glaube jetzt, dass die beste derzeit verfügbare Evidenz, wie unvollkommen sie auch ist (und immer bleiben wird), anzeigt, dass der freie Zugang zu Waffen keinen messbar positiven Effekt auf die Deliktraten von Totschlag, Selbstmord, Raub, Körperverletzung, Vergewaltigung oder Einbruch in den Vereinigten Staaten hat.

Weiterlesen:  Studie zu Waffenbesitz u.a. mit Gary Kleck

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