Waffen an Universitäten: Die Erfahrung Colorados

Dies ist meine Übersetzung des Washington Post Artikel vom 20. April 2015 – Autor ist David Kopel

Guns on university campuses: The Colorado experience

Texas scheint gewillt sich der wachsenden Zahl von Staaten anzuschließen, die es lizenzierten, ausgebildeten Erwachsenen erlauben, verdeckt Handfeuerwaffen auf dem Campus einer öffentlichen Universitäten oder Hochschule zum rechtmäßigen Schutz zu führen. In Texas, wie auch anderswo, präsentieren Gegner eine Parade von Horrorgeschichten über die angeblichen Resultate: aufgeheizte Diskussionen über Sophokles im Klassenraum enden in Schießereien; Studenten drohen, Professoren, die ihnen eine schlechte Note geben, zu töten etc. Da Colorado seit über einem Jahrzehnt lizenzierte Waffen auf dem Campus erlaubt, kann es hilfreich sein, sich deren Erfahrungen anzuschauen.

In der Historie von Colorado waren Schusswaffen größtenteils legal auf öffentlichen Universitäten. Das begann sich im Jahr 1970 zu ändern aufgrund von Bedenken über die Gewalt auf dem Campus durch terroristische Organisationen wie die „Weather Underground“.

Im Jahr 2003 verabschiedeten Colorados Gesetzgeber den Concealed Carry Act. (Gesetz zum verdeckten Führen). Das Gesetz wurde von der County Sheriffs of Colorado geschrieben, der Organisation, die alle 62 gewählten Sheriffs repräsentiert. Das Gesetz wurde mit breiter Unterstützung beider Parteien verabschiedet, darunter alle Republikaner und fast alle Demokraten außer einigen von Denver und Boulder. Die National Rifle Association und die Firearms Coalition of Colorado unterstützten das Gesetz.

Nach dem Concealed Carry Act ist eine Tragelizenz „im ganzen Staat,“ mit einigen Ausnahmen gültig. Private Grundbesitzer dürfen Waffen auf ihrem Grund verbieten. (So hatte zum Beispiel das Kino in Aurora, das im Juli 2012 attackiert wurde, von diesem Recht Gebrauch gemacht und das lizensierte Tragen von Waffen verboten). An K-12-Schulen (Anm. ähnlich unserer Gesamtschulen) dürfen Waffen in Autos aufbewahrt, aber nicht außerhalb des Autos geführt werden. Regierungsgebäude können das lizenzierte Tragen untersagen, sofern sie sich zu echten waffenfreien Zonen machen: die öffentlichen Zugänge zu solchen Gebäuden müssen Sicherheitspersonal und Metalldetektoren haben.

Das Gesetz hat keine besondere Ausnahmen für Oberschulen; ein Änderungsentwurf, der solche Ausnahmen schaffen sollte, wurde auf dem House Floor (Anm. ähnlich unserem Bundesrat) vorgeschlagen und abgelehnt. Da das Gesetz verlangt, dass ein Lizenzinhaber mindestens 21 Jahre alt sein muss, kamen die meisten Oberschüler sowieso nicht in Betracht für eine Erlaubnis. Als das Gesetz am 1. Juli 2003 in Kraft trat, wurde es unverzüglich an der Colorado State University (CSU, 30.000 Studenten, Hauptcampus in Fort Collins) umgesetzt. In 12 Jahren mit Tragelizenzen an der CSU gab es nie Probleme, die von Studenten mit dieser Lizenz verursacht wurden..

Anders sah es an der Universität von Colorado (30.000 Studenten, Campus in Boulder) aus. Der damalige Generalstaatsanwalt Ken Salazar gab eine unverbindliche Stellungnahme heraus, die besagte, dass die Universität von Colorado dem Gesetz nicht Folge leisten müsse. Die Universität von Colorado (CU) ist die einzige Institution der Hochschulbildung, die in der Verfassung von Colorado Verfassung namentlich erwähnt wird, und einige Rechtsfälle hatten festgestellt, dass die CU generellen Gesetzen nicht folgen müsse, falls die CU darin nicht ausdrücklich erwähnt wird. Die CU erzwang ihr Waffenverbot energisch mit der Begründung der 1994 Regents Politik (Anm. ein Schulgesetz von 1994), die Waffen als „anstößig“ für die „Werte“ von Universitäten deklariert hatte. Um in Boulder von einer Stadtseite zur anderen zu fahren, muss man auf der öffentlichen Straße den Campus durchqueren. Die Polizei der Universität verhaftete Fahrer auf dieser Straße, wenn sie lizensierte Waffen im Auto mit sich führten.

Die Students for Concealed Carry on Campus (SCCC) brachten ein paar Jahre später eine Klage ein, die vom Anwalt Jim Manley (Jura-Absolvent der CU) von der Mountain States Legal Foundation vertreten wurde. SCCC wurde 2008 gegründet, in der Nacht der Virginia Tech Morde, und fordert Sicherheit auf dem Campus für Studenten.

SCCC verloren beim Landgericht, gewannen die Berufung und die Klage ging zum obersten Gericht, dem Colorado Supreme Court.

Ich beteiligte mich an dem Gerichtsverfahren mit einer Amicus Curiae, in der ich die Sichtweise der County Sheriffs of Colorado darstellte. Die Sheriffs argumentierten, dass das Recht auf das Tragen von Schusswaffen wichtig für die öffentliche Sicherheit sei, da die Strafverfolgungsbehörden nicht überall gleichzeitig sein können.

Zudem werden Erwachsene, die eine von den Sheriffs ausgestellte Genehmigungen besitzen, die sie im ganzen Land berechtigt, Schusswaffen zu tragen, nicht plötzlich zu einer Bedrohung für die Gesellschaft, nur weil sie einen Fuß auf den Boden des Campus setzen.

In der Amicus Curiae erläuterte ich, dass das Colorado-Gesetz, wie das Gesetz fast aller anderen Staaten, ein objektives Verfahren für die Erteilung von Genehmigungen an verantwortliche Erwachsene beinhaltet. In Colorado muss der Antragsteller mindestens 21 Jahre alt sein, eine auf Fingerabdruck basierte Hintergrundüberprüfung (background check) bestehen und einen Kurs zum Sicherheitstraining belegen, in dem ein staatlich zertifizierter Ausbilder unterrichtet. Selbst wenn eine Person alle diese Bedingungen erfüllt, kann laut Satzung der Sheriff, die Genehmigung verweigern „falls der Sheriff einen berechtigten Grund zu der Annahme hat, dass aufgrund von dokumentiertem früheren Verhaltens der Antragsteller eine Gefahr für sich selbst oder andere darstellen könnte.“

Als Ergebnis dieser Auflagen neigen Personen in Colorado, wie auch in anderen Staaten, die Tragelizenzen besitzen, zu sehr gesetzestreuen Verhalten. Zum Beispiel wurden in dem Fünfjahreszeitraum zwischen 2009 und 2013 in Colorado 154.434 verdeckte Trageerlaubnisse ausgestellt. Im gleichen Zeitraum wurden 1.390 Genehmigungen widerrufen. 931 dieser Genehmigungen wurden nach einer Festnahme widerrufen. Vergleichen Sie dies mit der Festnahme von mehr als 200.000 Erwachsenen in Colorado allein im Jahr 2013.

Die Unterstützung der Sherrifs von Colorado für die Tragelizenzen wird durch die nationale Daten bestätigt. Als Beispiel dienen die jährlichen persönlichen Interviews des US Census Bureau mit mehreren tausend Personen bezüglich der nationalen Gewalt-Opferbefragung. Zwischen 1992 und 2002 gaben über 2.000 der Befragten offen zu, dass sie vergewaltigt oder sexuell missbraucht worden waren. Von diesen gaben nur 26 freiwillig an, dass sie eine Waffe zur Verteidigung benutzt hatten. In keinem dieser 26 Fälle wurde die Vergewaltigung vollendet; in keinem dieser Fälle erlitten die Opfer zusätzliche Verletzungen ab dem Zeitpunkt, zu dem sie ihre Waffe in Einsatz brachten.

Prof. Gary Kleck (Link zu meinem Blogartikel über Gary Kleck), Autor der oben genannten Studie, führte dann eine wesentlich breitere Untersuchung der NCVS Daten durch. Bei der Analyse eines Datensatzes mit 27.595 versuchten Gewaltverbrechen und 16 Typen von Schutzmaßnahmen, fand Kleck heraus, dass Widerstand mit einer Waffe das Risiko des Opfers stark herabsetzte, verletzt zu werden oder das Verbrechen zu vollenden.

2012 entschied Colorados Oberster Gerichtshof mit 7:0, dass die University of Colorado dem  Concealed Carry Act Folge leisten muss. Dies entsprach dem Präzedenzfall, dass die CU keine besondere Befreiung von der Bürgerrechten besitzt.

Doch im Jahr 2013 wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, der das lizenzierte Tragen von Waffen auf jedem Campus verbieten sollte. Das Vergewaltigungsopfer Amanda Collins sagte vor dem Ausschuss  des Senats für Staatsangelegenheiten aus, wie ein Trageverbot auf dem Campus ihr Leben beeinflusst hatte. Als 21-Jährige hatte Frau Collins eine Lizenz zum verdeckten Tragen aus Nevada. Aber der Universität von Nevada in Reno erlaubte keine Waffen auf dem Campus. Sie wurde in der Tiefgarage des Campus-Polizei-Station, die für die Nacht geschlossen war, vergewaltigt.

Die Straftat wurde an einem Ort begangen, der nur wenige Meter von einem Notruf-Telefon entfernt war. „Wie kann etwas, das mich wehrlos macht, Sie gegen Gewaltverbrechen schützen?“, fragte sie Colorados Senatoren. Senator Evie Hudak erzählte Collins, dass, falls Collins eine Waffe getragen hätte, die Statistiken zeigen würden, dass die Waffe ihr weggenommen worden wäre. Tatsächlich zeigen die Statistiken, dass in weniger als einem Prozent bei defensiven Waffengebrauch die Verteidiger ihre Waffe verlieren.

„Ehrenwerte Senatorin, Sie waren nicht da,“ antwortete Collins. „Hätte ich verdeckt eine Waffe tragen dürfen, hätte er nicht gewusst, dass ich eine Waffe habe; und ich war dort. Ich weiß ganz genau, es gibt Situationen, wo ich fähig bin, einen Angriff mit Hilfe meiner Schusswaffe zu stoppen. Er hatte seine eigene Waffe; er brauchte meine gar nicht.“

Da der Vergewaltiger in dieser Nacht nicht gestoppt wurde, hat er später noch zwei andere Frauen vergewaltigt und eine ermordet.

Senatorin Hudak trat im Dezember 2013 zurück, um einen Wahlverlust zu vermeiden.

Die Erfahrung des Colorado Campus seit 2003, und an der University of Colorado seit 2012, zeigt, dass erwachsene Studenten oder Professoren, die von ihren lokalen Sheriffs eine verdeckte Tragelizenz erhalten, keine rechtswidrige Aggression begehen. Es gab einen einzigen Fall, in dem eine Mitarbeiterin der zahnmedizinischen Fakultät der CU ihre Waffe zeigte und sie versehentlich abfeuerte. Ihr wurde umgehend und folgerichtig gekündigt.

Hochschulen sollten die Rechte von verantwortlichen Personen, wie Amanda Collins, respektieren, die sich selbst schützen.
So wie es die Sheriffs dem Colorado Supreme Court erläuterten: gesetzestreue Erwachsene, die bereits lizenziert wurden, Waffen überall im Staat zu tragen, sollten ihre Selbstverteidigungsrecht behalten, wenn sie Veranstaltungen von öffentlichen Hochschulen teilnehmen oder dort unterrichten.

Anmerkungen

Die Washington Post ist – im Gegensatz zur Washington Times – in der Vergangenheit eher gegen Waffen eingestellt gewesen. Ich bin verwundert, dass insbesondere im letzten Jahr dort einige faktisch saubere Artikel zur Waffenrechts-Debatte publiziert wurden. Vielleicht liegt es daran, dass immer mehr „Opfer“ (Frauen und Schwarze) sich in den USA pro-Waffen äußern und auch lizensierte Waffenbesitzer werden.

David Kopel ist ein „Gun Advocate“ und Rechtsanwalt, dem ich seit Jahren folge. Aktuell lädt er seine wichtigsten Werke auf Academia.edu hoch. Ich mag seine Artikel sehr, obwohl sie immer lang und sehr wissenschaftlich sind. Dafür erscheinen sie in der Regel auch eher in juristischen Fachzeitungen und seltener in Zeitungen. Auf diesen Artikel bin ich – wie so oft – durch die Kurzfassung von Breitbart (ein libertäres Portal in den USA) gestoßen, welches diesen Artikel in weniger als 500 Wörtern zusammenfasst. Ich fand den Artikel trotzdem so gut, dass ich ihn 1:1 versucht habe zu übersetzen. Fehler gehen zu meinen Lasten, da ich Übersetzung nicht gelernt habe.

Der zitierte Prof. Gary Kleck ist mein persönlicher Liebling – noch vor David Kopel. Er ist Kriminologe, war 1970 noch Anti-Gunner, besitzt keine Waffen, wird von niemanden gefördert, der Waffen besitzt und hat sich in das Thema wissenschaftlich reingekniet. Ich habe keine Ahnung, warum er das gemacht hat. Vielleicht hat er einen natürlichen Gerechtigkeitssinn. Seine Studien haben ihn vom Waffenkontrollbefürworter zum Waffenbefürworter gemacht. Und das nicht, weil er Waffen toll findet, sondern nur, weil er sich wissenschaftlich mit dem Thema befasst hat und dabei herausgefunden hat, dass Waffen mehr Leben retten als sie zu nehmen – sogar in den USA. Ich finde seinen Ansatz von 1970/80 sehr „europäisch“ und würde mich freuen, wenn die europäischen Kontrollbefürworter ähnlich akribisch und unidelogisch an die Sache rangingen.

Opferschutz für Frauen wird seit einigen Jahren von den Kontrollbefürwortern (UN, IANSA, Terre de femmes & Co.) in den Vordergrund gestellt. Das o.g. Einzelschicksal von Amanda Collins ist eines von vielen. Der Unterschied zwischen Amanda und den Kontrollbefürwortern ist, dass Amanda sich selber schützen will, die NGOs, die für Schutz plädieren, aber Waffen für private Besitzer verbieten wollen. Ich habe in Deutschland und Europa viel recherchiert und bin auf Amandas Seite angekommen. Auch wenn ich für mich persönlich keinen Grund der Bewaffnung sehe, möchte ich, dass jede bedrohte Frau sich – so wie die gesetzestreuen Bürger in Colorado – bewaffnen können. Nur wenn erhebliche, dokumentierte Bedenken bestehen, sollte ein Antrag, der alle Auflagen erfüllt (Volljährigkeit, Sachkunde, Sicherheitstraining) abschlägig beschieden werdn.

Mehr zu Gary Kleck: hier

Mehr zu Opferschutz: hier

5 Gedanken zu “Waffen an Universitäten: Die Erfahrung Colorados

  1. Danke Katja für diesen Beitrag und für die Mühe die Du dir angetan hast um uns Lesern dieses brisante Thema näher zu bringen !

    Gruß von der Waterkant

  2. Aus dem Blog von Nikolaus Fest…………

    Also der Mann hat eindeutig ein gesundes Empfinden.

    Zitat :
    http://nicolaus-fest.de/
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    A failed area: Neukölln

    April 27, 2015

    In dieser Woche zweimal nach Neukölln, und zweimal erstaunliche Erlebnisse. Zuerst mit einem Freund, der vor einem Fußgängerübergang hält, weil die Ampel rot zeigt. Von hinten nähert sich mit hohem Tempo ein schwarzer Kleinwagen, schwenkt um unseren Wagen herum und fährt ungebremst ‚bei Rot’ durch, obwohl Leute die Fahrbahn queren wollen. Ungläubiges Staunen und die Wette, welcher ethnischen Gruppe der Fahrer wohl angehöre. An der nächsten Kreuzung zeigt ein Fan-Schal von Besiktas Istanbul, dass wir beide recht hatten. Gelächter, ohne dass wir irgendeinen Kontakt mit dem Fahrer hätten, was durch die abgedunkelte Heckscheibe ohnehin nicht möglich wäre. Dennoch springen zwei junge Männer aus dem Wagen, kommen drohend auf uns zu, bitten zum Gespräch. Als wir weder Tür noch Fenster öffnen, spuckt einer gegen die Scheibe, der andere tritt gegen die Wagentür. Und solches Pack fordert ‚Respekt’.
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