Bauernprotest: Was weiß/will das Volk?

Als die Bauern am 26.11.19 mit über 5000 Treckern und über 10.000 Teilnehmern in Berlin protestierten, stellte sich auch die Bundesumweltministerin Svenja Schulze vor die Menge, die sie ausbuhte.

114 Euro Kampagne des NABU

Bundesumweltministerin Svenja Schulze verwies darauf, dass jeder und jede Deutsche 114 Euro pro Jahr für die gemeinsame Agrarpolitik der EU zahle, über die die Landwirtschaft subventioniert werde.

Dieser Spruch bezieht sich auf die NABU-Kampagne 114 Euro, die von der Ministerin kräftig unterstützt wird. Dort steht:

58 Milliarden Euro zahlen wir jährlich für Agrarsubventionen. Das sind 114 Euro pro EU-Bürger. Doch nur ein Bruchteil davon fließt an Landwirte für naturverträgliche Maßnahmen. Der Großteil der Gelder belohnt die zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft und beschleunigt so das Vogel- und Insektensterben.

114 Euro pro Bürger wären 9,3 Milliarden Euro für deutsche EU-Bürger. Diese fließen jedoch nicht 1:1 wieder zurück. Das Bundesamt für Landwirtschaft listet 6,6 Milliarden für 326.000 Empfänger von EU-Agrarfond-Mitteln auf. Es gibt jedoch nur 266.000 landwirtschaftliche Betriebe in Deutschland.

Es gibt also 60.000 Empfänger, die gar keine Landwirte sind, darunter Ministerien, Gemeinde, Ämter, Stiftungen, NGOs und Vereinigungen, die Gelder für Küstenschutz oder Dorferneuerung erhalten, darunter auch viele NABU-Gruppen. Ich habe mir heute die Mühe gemacht, alle nicht-landwirtschaftlichen Empfänger anzuschauen, die mehr als eine Million an Direktzahlungen aus dem EU-Agrarfond in 2018 erhalten haben.

EU-Agrarfond-Direktzahlungen

Unter den Top 10 Empfänger ist kein einziger klassischer landwirtschaftlicher Betrieb. Die TOP 10 erhielten knapp 55 Millionen Euro, die anderen 82 Millionen. Unter den 157 Empfänger, die 2018 mehr als eine Million empfangen hatten, sind 64 Empfänger (40%) keine landwirtschaftlichen Betriebe. Damit ist Schulzes „114 Euro an Landwirte“ widerlegt!

Wir fördern Ministerien und Landesämter mit Millionen an Agrarsubventionen!

Ich lese schon lange Bauernmeldungen in den sozialen Netzen und vermisse die mediale Berichterstattung ihrer Probleme.

Nitrate

Es ist halt nicht so, dass die Nitratbelastung dort am stärksten ist, wo die meiste Tierhaltung betrieben wird, sondern eher dort, wo viele Biogasanlagen stehen. Auch sickert Nitrat durch defekte Abwasserrohre ein. Deutschlands Umweltministerium stellt absichtlich die Nitratmessgeräte in die meist belasteten Gebiete statt sie flächig zu verteilen. Daher wird nicht der Durchschnitt gemeldet, sondern die Spitze. (Ähnlich wie beim Feinstaub). Von daher können die Bauern auch nicht alleine dafür verantwortlich gemacht werden. Es gab erst vor zwei Jahren eine Düngeverordnung, die noch nicht evaluiert wurde – und jetzt wieder etwas Neues? Ohne dass es wirkliche Erkenntnisse der Korrelation gibt?

„Vielleicht sage ich mal was zu den anderen Ländern in der EU weil ich jetzt mehrmals in Brüssel war und genau das hinterfragt habe. Die Ungerechtigkeit ist, dass Deutschland 2012 nicht dem Durchschnitt aller Brunnen und Messwerte gemeldet hat, sondern nur die sozusagen sensiblen Werte. Das war völlig daneben. Die anderen Länder haben Durchschnittswerte ihrer gesamten Brunnen gemeldet. Also es gab Brunnen die sind gut und es gab Brunnen die sind schlecht und den Durchschnitt haben manche Länder Europas gemeldet. Deutschland hat gesagt, ja wir kümmern uns hier ums Wasser, wir melden nur die schlechten, weil die geht zu verbessern. Das ist 2012 passiert, das kann ich heute jetzt nicht mehr ändern. Ja das ist ein Witz, aber ich finde das überhaupt nicht lustig.“  –Landwirtschaftsministerin Otte-Kinast im Twitter-Video

Tierwohl

Die WELT schrieb Ende 2017:

Die Initiative Tierwohl muss gleichzeitig die Interessen von Fleischwirtschaft, Handel und Bauernverband erfüllen. Bislang führte das vor allem zu halbherzigen Plänen. .. Die anfänglich knappe Finanzdecke hatte vor drei Jahren dazu geführt, dass damals nicht alle qualifizierten Landwirte, die sich beworben hatten, in das System aufgenommen werden konnten. Dies hatte für erhebliche Unzufriedenheit bei den Betroffenen gesorgt. Für die Höfe geht es um einiges.

Mehrere Tausend Betriebe hatten viel Geld für die Tierwohl-Auflagen investiert. Aber dann machte der Handel einen Rückzieher und hatte nicht alle bäuerlichen Betriebe zur Lieferung zugelassen, d.h. ihnen etwas mehr pro Kilo als üblich bezahlt. So wie ich das verstanden haben, missbraucht/e der Handel „Tierwohl“, indem er zwar damit wirbt, aber letztendlich weniger als 3% des Fleischangebots wirklich mit diesen Produkten bestückt.

Auch das neue, ebenfalls freiwillige, staatliche Tierwohllabel von Bundeslandwirtschafts-Ministerin Julia Klöckner erhält von allen Seiten Kritik. Den einen geht es nicht weit genug, andere kritisieren die Freiwilligkeit und die mangelnde Finanzierbarkeit.

Laut Prof. Grethe benötigen wir 3 bis 5 Milliarden für ein besseres Tierwohl flächendeckend in allen Ställen. Das ginge nur mit Verpflichtung statt Freiwilligkeit, sagte er bereits 2016: „Es wäre nicht sinnvoll, wenn wir hier mehr Tierschutz machen, Wettbewerbsfähigkeit verlieren und schließlich die Produkte aus dem Ausland kommen.“

Die „Initiative Tierwohl“ kam 2018 auf 130 Millionen,
d.h. der Handel hat freiwillig
0,03% der erforderlichen Mittel aufgebracht.

Von daher ist das von Klöckner geplante freiwillige neue Label, das zunächst auch nur die Schweinemast betrifft, nichts anderes als ein PR-Gag. Sie könnte die geplanten 70 Millionen Werbeaufwand gleich in die „Initiative Tierwohl“ stecken und würde damit viel mehr erreichen.

Insektenschutz

Es ist nicht zu leugnen, dass wir einen Insektensterben haben. Wir wissen auch, dass es vielfältige Ursachen gibt: Landwirtschaft, Lichtverschmutzung, Windräder, zubetonierte Flächen, insekten-unfreundliche Gärten, Einsatz von Pestiziden, Trockenlegung von Mooren, Verkehr, verändertes Klima etc.

Bisher wurde die Landwirtschaft als Hauptverursacher ausgemacht, u.a. wegen der Monokulturen (der Maisanbau und Grüngrasanbau füttert die „grünen“ Biogasanlagen), fehlenden Blühstreifen und Einsatz von Chemie. Die Frage ist jedoch noch nicht beantwortet, in wieweit welcher Verursacher auf den Insektenschwund einwirkt.

——- Update 04.12.2019 ——-

Zweifel am „Insektensterben“ durch 50-Jahres-Studie der University of York über Motten in der Zeit von 1967 bis 2017:

Während die Anzahl der Motten seit Anfang der 80er Jahre schrittweise um rund 10 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen ist, erfolgte dies nach einem starken Anstieg zwischen Ende der 60er und 1982.

Zwei der am häufigsten empfohlenen Ursachen für „Insektensterben“ sind die landwirtschaftliche Intensivierung und, für Nachtfluginsekten wie Motten, die Lichtverschmutzung. Die Forscher fanden jedoch keine Hinweise darauf, dass landwirtschaftliche Praktiken oder städtische Lichtverschmutzung die Hauptantriebskraft für diesen jüngsten Rückgang sind.

Dr. Macgregor kommentierte: „Wenn Pestizide das Problem verursachen würden, würde man erwarten, dass der größte Rückgang der Ackerlandschaften zu verzeichnen ist; ebenso, wenn es sich um Lichtverschmutzung handelt, wäre der größte Rückgang in den Städten zu verzeichnen. Wir fanden keinen von beiden als den Fall – die Lebensräume mit dem größten Rückgang waren Wälder und Wiesen.“

„Es gibt keine einfache Erklärung und es ist mehr Forschung an Langzeitdatensätzen erforderlich“, fügte Professor Thomas hinzu. „Wir haben festgestellt, dass Kurzzeitstudien und sporadische Stichproben zu falschen Schätzungen der Veränderung der Biomasse führen können. Die Komplexität des Wandels der Insektenpopulation erfordert mehr, bessere und länger laufende Daten, wenn wir robuste Schlussfolgerungen ziehen wollen, insbesondere für Teile der Welt, in denen die Insektendaten begrenzt sind.“

Moth biomass increases and decreases over 50 years in Britain, Nature Ecology & Evolution (2019)

——- Ende des Updates vom 04.12.2019 ——-

Im Mai 2019 wurde eine 4-Jahres-Studie an die Uni Gießen vergeben, an der auch der NABU mitmacht. Warum warten wir diese Studie nicht ab, bevor gravierende Eingriffe wie z.B. sofortige Verbote von Pestiziden oder die Zwangsumwandlung von Streuobstwiesen in Naturschutzgebiete vorgenommen werden?

Blühstreifen könnten ohne Verbote gefördert werden, Grüngras und Mais könnten – wie bei der Kooperation von Veolia Stiftung, der Deutsche Jagdverband und die Deutsche Wildtier Stiftung – durch „Bunte Biomasse“ ersetzt werden, die zur Biodiversität beiträgt und trotzdem „Futter“ für die Biogasanlagen herstellt.

Eine einseitige Subvention in Richtung Umbau auf Bio, wie vom NABU gefordert, ist abzulehnen. Bio braucht 80% mehr Fläche, die wir nicht haben, weil dort die Erträge geringer sind.

Eine vollständige Umstellung auf Ökolandbau würde bei Beibehaltung unserer bisherigen Ernährungsweise zudem 70 Prozent mehr Fläche erfordern, etwa 10 Millionen Hektar. (Foodwatch Studie von 2008)

Kreatives Umweltministerium

Die Antwort der Bundesregierung, federführend das Umweltministerium, gestützt auf Informationen des BfN, antwortete auf die Frage der Grünen, wie viele heimische Wildbienen- und Schmetterlingsarten seit den 1980er Jahren ausgestorben seien wie folgt:

„Es gibt rund 560 Wildbienen-Arten in Deutschland, die in den Roten Listen (2012) bewertet wurden, davon sind 39 Arten ausgestorben oder verschollen. Aus den Artengruppen der Tagfalter, der Nachtfaltergruppen Spanner, Eulenspinner, Sichelflügler und Spinnerartige Falter, die einen großen Anteil der Bestäuber-Arten stellen, sind 19 Arten seit 1980 ausgestorben oder verschollen.“

Die erste der 39 ausgestorbenen Wildbienenarten ist vor genau 200 Jahren, im Jahr 1818, ausgestorben, die „Nomada mauritanica Lepeletier 1841“. Vier weitere sind ebenfalls schon vor 1900 ausgestorben, 28 zwischen 1900 und 1960, fünf zwischen 1961 und 1974 und die letzte 2001. Auf dieser „Beweislage“ kann man schlecht behaupten, die moderne Landwirtschaft dezimiere die Wildbienenarten, darum wurde dem Bundestag vorgemacht, die 39 Arten wären erst seit 1980 ausgestorben.

Agrarökonom Georg Keckl bei NOVO-Argumenten

Das alles erinnert frappant an die Vorgehensweise der EU beim Waffenrecht. Auch dort wurden für Themen, für die Experten erstmal mehr Daten verlangt haben, einfache Verbote gefordert (Halbautomaten, Internethandel), die wir zum Glück noch abwenden konnten, da es dafür eben keine Belege gab.

Pflanzenschutz

Die Auflagen der EU und Deutschlands verhindern, dass Glyphosat wie in Amerika (Nord oder Süd) während des Wachstums der Pflanzen eingesetzt werden darf. Hier ist es tatsächlich eine Alternative zum Pflügen und Unkraut, die Organismen, die keine Pflanzen sind (Regenwürmer, Käfer etc.) nicht schädigt, aber das Unkraut vernichtet, bevor gesät wird. Solange es keine Unkrautjät-Roboter gibt, ist dieses best untersuchte und am wenigsten schädliche Mittel weiterhin zuzulassen. Es wird davon auch viel weniger als vor Jahrzehnten ausgebracht.

Ohne Pflanzenschutz gibt es geringere Ernten. Auch die Biobauern schützen ihre Pflanzen. Deren Mittel sind z.T. schädlicher als die chemischen der konventionellen Bauern. Ich habe alles Wissenswerte zu Glyphosat bereits hier beschrieben.

Bauernlobby oder Interessenwahrnehmung?

Es gibt einen hörenswerten Podcast vom Tagesspiegel. Dort wird eindeutig dargestellt, dass der Bauernprotest eben keine von oben diktierte „Lobbyveranstaltung“ ist, sondern die Bauern selber von unten (per Whatsapp-Gruppen) diesen Protest organisiert haben.

Die Gruppe nennt sich „Land schafft Verbindung“. Manche Bauern waren seit Sonntag mit ihrem Trecker unterwegs und werden wiederum einige Tage brauchen, um nach Hause zu gelangen.

Die Bauern sind NICHT gegen Umweltschutz, aber sie wollen gehört werden.

Ihre Belange sind wichtig, weil es bei ihnen um ihren Lebensunterhalt geht. Solche Proteste wie diesen können sich Bauern nicht häufig leisten, auf keinen Fall während der Zeit der Aussaat, Pflege und Ernte (Februar bis Oktober). Und Tierhalter können sich so gut wie gar keine Abwesenheit leisten. Bauern sind mit Sicherheit die Gruppe, die am seltensten Urlaub macht – und sicherlich auch am seltensten fliegt.

Ich lese schon lange Bauernmeldungen in den sozialen Netzen und vermisse hier die mediale Berichterstattung ihrer Probleme.

Die Meinung des Volks

Bundeslandwirtschaftsministerin Klöckner sagt, sie könne die Landwirte  verstehen, aber das Volk will mehr Umweltschutz, daher müssten sie sich anpassen. Stimmt das?

Das „Volk“ will billige Nahrungsmittel und hält normalerweise die Klappe. Einige, wenige, aber sehr laute Schreihälse und NGOs, die mittlerweile zwei Vertreter im Umweltstaatsministerium haben (NABU), fordern mehr Umweltschutz. Viele Medien unterstützen dies. Doch kann man diese mit „Volksmeinung“ verwechseln?

Klöckner sollte mal mit dem echten Volk Klartext reden, nicht nur mit den politischen Aktivisten. Soll sie doch mal in eine Kirchengemeinde, einen Kleingartenverein, einen Schützenverein oder zu einem Dorffest gehen und dort Fragen zum Umweltschutz stellen. Sie wird sich wundern, was das „Volk“ will.

Morgen, am 2.12.2019 sind „Bauer Willi“ und andere ins Bundeskanzleramt zu Frau Merkel eingeladen. Insgesamt sind es 39 verschiedene Adressaten, die mit ihr und Frau Klöckner über die Zukunft der Landwirtschaft in Deutschland diskutieren sollen. Dazu sind drei Stunden Zeit. Hier sind die Punkte, die Bauer Willi wichtig sind: Was ich Frau Merkel fragen will… 

Da ich keine Bäuerin bin, verstehe ich manche Punkte nicht bzw. fehlt mir das komplette Wissen, welche Auflage wie viel kostet und was sie bewirkt hat/bewirken wird. Ich vertraue da auf die Landwirte, von denen ich einigen auf Facebook und WordPress folge und ich dort sehr kenntnisreiche Beiträge sehe.

WIR, das Volk, stellen uns der Kritik, wir wollen aber gehört werden.

Es kann nicht angehen, dass die Forderungen unserer Verbandsvertreter überhaupt nicht mehr gehört werden, auch wenn wir an der Basis diese manchmal kritisieren.

Es kann nicht angehen, dass WIR laufend Briefe und Petitionen und Demonstrationen organisieren müssen, damit unser Anliegen von der Politik überhaupt beachtet wird

Es kann nicht angehen, dass nur noch auf kampagnenstarke NGOs gehört wird, die nichts produzieren, aber medienträchtige Aktionen durchführen können, während WIR nicht mal Journalisten finden, die bereit sind, über unser Anliegen zu berichten.

2 Gedanken zu “Bauernprotest: Was weiß/will das Volk?

  1. Vielen Dank dafür, könnten sie das zu allen Medien senden?
    ARD, ZDF, SAT1,RTL,Spiegel,stern,FOCUS?
    Ich bekomme das nicht hin mit der Technik- ich bin der Haken😉

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  2. Der Abschnitt über Nitrate gehört überarbeitet:

    https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/innenpolitik/id_86888548/landwirte-beschweren-sich-nitrat-im-grundwasser-nur-gelogen-der-faktencheck.html

    Ansonsten gilt: Die Landwirte haben zu machen was den geringsten Umwelteingriff bedeutet, nicht was den meisten Ertrag verspricht. Wenn sie pleite gehen wird sich garantiert ein Konzern wie Nestle finden der den Job übernimmt. Markt und so.

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