Remember the Hero, not the Zero

Seit Winnenden lese ich alle möglichen Studien, Zeitungsberichte und Meinungen bzgl. Amokläufe/Massenmorde. Dabei bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es sich dabei oft um einen „erweiterter Selbstmord“ in Verbindung mit der „Suche nach Ruhm“ handelt, sofern der Attentäter ein jüngerer Mensch ist. Bei älteren Attentätern, die ihre Familie oder Arbeitskollegen töten, ist die Ohnmacht und die Wut über diese Ohnmacht vorherrschend.

Wenn jüngere Attentäter sich intensiv mit Amokläufen beschäftigen, Manifeste schreiben und sich zum Ziel setzen, ihren Abgang mit noch mehr Opfern zu „begleiten“ als bisher, dann wollen sie in die Zeitung. Sie wollen ein öffentliches Bekenntnis abgeben und berühmt werden, eventuell auch Nachahmer finden.

Dies ist auch – neben dem ausgelösten Terror – das Motiv der meisten Islamisten. Diese werden in den islamistischen Online-Magazinen und Videos gehypt und es wird dort zur Nachahmung aufgefordert.

Ältere Attentäter hingegen fühlen sich oft von der Familie, Partner, Arbeitskollegen oder Chef im Stich gelassen, oder vom Staat gebeutelt, wenn der Gerichtsvollzieher kommt. Sie haben mit dem Leben abgeschlossen und wollen die Schuldigen bestrafen oder die Unschuldigen (Kinder) vor der Zukunft bewahren.

Manchmal bleibt es beim „Suicide by cop“ (Selbstmord durch provozierte Polizeigewalt), öfters „nehmen sie alle Schuldigen“ in ihrem erweiterten Selbstmord mit. Hier würden Präventionsprogramme und eine andere gesellschaftliche Sichtweise in Bezug auf „Scheitern“ helfen. Seit 2001 gibt es den Verein „Freunde fürs Leben„, der Aufklärung und Kampagnen betreibt, um Selbstmorde zu verhindern.

Die Zeitungen haben es sich angewöhnt, nicht mehr über Selbstmorde zu berichten, um den „Werther Effekt“ zu verhindern, der Nachahmungstäter hervorbringt.

Ähnliche Beschränkungen sollten wir uns bei Massenmördern auferlegen.

Ich halte mich daran. Man wird in meinem Blog keinen Namen der Attentäter finden, auch keine Bilder oder Zitate aus Manifesten. Ab und an schreibe ich über die möglichen Motive (Frauenhaß), versuche aber immer, den Attentäter als Verlierer darzustellen.

Dissecting every detail of a mass shooter’s clothing or music choices, and giving so much airtime and print space to their YouTube posts or manifestoes, is exactly what many of these young, mentally ill men were looking for when they decided to go out in such a perverse blaze of glory, according to Zeynep Tufekci, a fellow at Princeton University’s Center for Information Technology Policy and professor at the University of North Carolina at Chapel Hill’s School of Information and Library Science and Sociology Department.

Tufekci emphasized that she was not saying such incidents should be ignored altogether. „It’s clearly of news value,“ she said. „I can’t expect a journalist not to cover this. I’m saying we can change the way we cover it and not highlight the manifestoes, the type of gun, the method.“

„Don’t plaster his face all over the place; plaster the victims‘ names all over the place.“

Chicago Tribune: Can the media reduce massacres? vom 23.07.2014

Genau das sagt auch Mr. Colion Noir:

Statt dem Attentäter so viel Raum in den Zeitungen zu geben, sollten wir den Opfern Raum geben. Dann verschiebt sich der Ruhm vom Täter auf die Opfer – das Gegenteil von dem, was diese Täter wünschen.

Das ist ein Auszug meines Artikels vom Oktober 2015

6 Gedanken zu “Remember the Hero, not the Zero

  1. Leider bestätigen unsere Medien das Tun der sogenannten Personen. Es wäre vermutlich besser nichts darüber zu berichten. Ich gebe den Medien Schuld daran das so viel passiert, denn sie bieten die Lösungen an wie Taten publik gemacht werden. Früher wusste man auch nicht wirklich was hier und da passierte. Man konnte viel einfacher den Alltag erleben.
    Durch das Internet,Smartphones, usw ist es heutzutage einfacher alles in die Welt zu tragen. Leider ein endlos Thema. Medien sind gut, aber sie sollten auch nicht alles sofort berichten.

  2. Ich denke auch, dass der Anreiz für einen erweiterten Suizid (sog. Amoklauf) sinken würde, wenn die Massenmedien aufhören würden, sich dem Täter als postmortale Kommunikationsplattform anzudienen. Die Täter werden regelrecht berühmt gemacht. Meines Erachtens sind zwei Gründe besonders ausschlaggebend: Erstens: Eine solche Berichterstattung steigert die Auflagen- bzw. Klickzahl und damit den Gewinn.
    Zweitens hat die globale herrschende Klasse (Oligarchen und Spitzenpolitiker) das langfristige Ziel, alle Völker komplett zu entwaffnen. So gesehen ist jeder Amoklauf ein Glücksfall mit dem man wieder einmal den (privaten) Waffenbesitz in ein schlechtes Licht rücken kann. Gerade für letzteren Punkt spricht auch die Tatsache, dass selbst in der EU über nahezu jeden Amoklauf im nichteuropäischen Ausland in aller Tiefe und Breite berichtet wird. Ziel ist eben der totale Gun Ban und daher wird sich auch an der Art und Weise der Berichterstattung nichts ändern. Leider!

  3. Ich denke, dass jede Nachricht, die ueber eine einfache Information hinausgeht, irgendwelchen Interessen dient und damit zu einem Teil einer Kampagne wird. Die Nachricht deshalb, wenn auch aus hehren Gruenden, zu filtern, halte ich fuer falsch. Auch die Bildung von Informations-Schwerpunkten (Taeter oder Opfer) ist irgendwie eine Manipulation. Beruecksichtigung muss dabei in meinen Augen eher die Interessenlage der/des Opfers finden, denn es ist voellig unfreiwilliger Teil der Nachricht.

    Zum Thema Amoklauf:
    Problematischer, als die Interpretation, wer nun Held war oder nicht, finde ich die interessengesteuerte Unterdrueckung von Nachrichten. So wurde meines Wissens nach nicht darueber berichtet, dass z.B. in Maryland ein versuchter Amoklauf innerhalb kuerzester Zeit von einer bewaffneten Security beendet wurde. Hier sehe ich das viel groessere Problem: interessengesteuerte Nachrichtenfilterung.
    Denn hier wurde ein (noch nicht optimaler) Weg aufgezeigt, Amoklaeufe schnell zu beenden. Aber diese Diskussion moechte man vielleicht nicht fuehren.

    Meines Wissens nach gibt es keinen Amoklauf, dessen Vorbereitung „geheim“ gewesen ist. Da ist das gesellschaftliche Umfeld und die Sensibilitaet derjenigen gefragt, die von den Vorbereitungen Kenntnis erhalten haben. Ich persoenlich empfinde eh nur Verachtung fuer Amoklaeufer – egal, ob in Familie oder sonstwo. Fuer mich sind das ganz arme Schweine.

      • Richtig! Wenn man sucht, dann findet man. Auch bei Facebook gibt es eine Diskussion zu diesem Vorfall bei der „Waffenlobby“. Das alles setzt jedoch eine Suche Interessierter voraus. Was ich meine, ist, dass einige „Nachrichten“ ueber alle Medien der „breiten Masse“ praesentiert und diskutiert werden, wenn sie dem Mainstream nuetzen, andere aber, die ich fuer gleichwertig halte, eben nicht. Bei „Heute“ oder den „Tagesthemen“ habe ich jedenfalls nix darueber gehoert.
        Hier ist ein „Trumpscher Vorschlag“ umgesetzt worden und war innerhalb kuerzester Zeit wirksam. Da fuehre ich die relative Nicht-Beachtung auf zwei Faktoren zurueck: 1. Trump ist hier sehr unpopulaer und 2. Schusswaffeneinsatz, der Schaden mindert.

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